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Einstiegsqualifizierung für Migranten

Junge Flüchtlinge durch Ausbildung integrieren

Auch bei John Deere arbeiten junge Flüchtlinge. Foto: Hinderfeld

Auch bei John Deere arbeiten junge Flüchtlinge. Foto: Hinderfeld

Kann der starke Zustrom von Flüchtlingen den Fachkräftemangel in Deutschland beheben? Mit Einstiegsqualifizierungen und Praktika engagieren sich zahlreiche Mannheimer Unternehmen und Firmen aus der Region bereits bei der Eingliederung junger Immigranten in das Berufsleben. Mit dabei sind beispielsweise ABB, BASF, Caterpillar Energy Solutions, Daimler, John Deere, Pepperl+Fuchs sowie Roche und MVV Energie.

Nach ersten Einschätzungen haben etwa 80 Prozent der Flüchtlinge keinen formalen Berufsabschluss nach deutschen Standards, eine duale Ausbildung gibt es in den meisten Herkunftsländern nicht.Nur rund zehn Prozent verfügen über eine anerkannte berufliche Qualifikation, weitere zehn Prozent über einen Hochschulabschluss. Aber: Mehr als zwei Drittel der Flüchtlinge sind unter 30 Jahre alt, gut die Hälfte sogar unter 25 ein großes Potenzial für Ausbildung aus Sicht von Südwestmetall. Die Bezirksgruppe Rhein-Neckar des Arbeitgeberverbands erarbeitete ein wegweisendes Modell, mit dem junge Flüchtlinge an eine Ausbildung herangeführt werden können und das von vielen Akteuren engagiert und unbürokratisch mitgetragen wird. Ebenso wie große Unternehmen der Region sind die Stadt Mannheim, die Agentur für Arbeit Mannheim und die Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar mit im Boot, genau wie das Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft und die Justus-von-Liebig-Berufsschule.

Vorbild für die Einstiegsqualifizierung (EQ) für junge Flüchtlinge war das sogenannte Förderjahr, mit dem benachteiligten Jugendlichen Ausbildungs- und Beschäftigungschancen in der Metall- und Elektroindustrie eröffnet werden. Der größte Unterschied: Das Hauptaugenmerk liegt auf der Sprachförderung und nicht auf sozialpädagogischen Aspekten, vertiefter Berufsorientierung oder Teambildungsmaßnahmen. Denn ohne ausreichende Sprachkenntnisse wird weder eine Ausbildung noch eine gesellschaftliche Integration in Deutschland nachhaltig möglich sein. Mit ABB, Caterpillar Energy Solutions, Daimler, John Deere, Pepperl+Fuchs, MVV Energie und Roche sind bei dem Projekt Firmen mit am Tisch, die größtenteils zuvor schon das Förderjahr mit der Bereitstellung von Praktikumsplätzen unterstützt hatten und bewiesen haben, dass sie eine solche EQ-Maßnahme stemmen können.

Die Vorbereitungen begannen bereits im Februar 2016. 36 junge, unbegleitete Flüchtlinge im Alter von 17 bis 27 Jahren wurden in Zusammenarbeit mit der Justus-von-Liebig-Berufsschule, dem Jugendamt der Stadt Mannheim und betreuenden Heimen vorab ausgewählt und besuchten dann einen Kurs bei der BBQ Berufliche Bildung gGmbH.Hier wurden schulische Vorkenntnisse getestet und intensiver Deutschunterricht erteilt.

Für 22 junge Menschen ging es dann mit der sechsmonatigen EQ weiter; dass bis dahin nicht alle bei der Stange blieben, hatte unterschiedliche Gründe. Einige zogen um, weil ihre Familie mittlerweile auch in Deutschland eingetroffen ist, bei anderen war schnell klar, dass die schulische Vorbildung für eine Ausbildung nicht reicht. Wieder andere stellten fest, dass sie sich mehr für eine Ausbildung in der Gastronomie oder im Gesundheitswesen interessieren als für die Industrie. „Ein junger Mann entdeckte während seines Praktikums bei Roche seine Begeisterung für die Chemie“, berichtet Ulrich Manz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Mannheim.

Bei der EQ ging es darum, praktische Kompetenzen zu vermitteln, zeitgleich Sprachkenntnisse zu erweitern, aber auch eigene Vorstellungen für den beruflichen Lebensweg zu ermitteln. Am Ende der Maßnahme im August 2016 hatten sechs junge Menschen eine Ausbildungsplatzzusage, ein weiterer erhält eine Option für 2017, weil er „noch nicht ganz so weit ist“, so das Signal seines EQ-Unternehmens. Alle anderen sind zumindest sprachlich so weit, dass sie direkt in die VAB-Regelklasse (Vorbereitung auf die Berufsausbildung) an berufsbildende Schulen wechseln und anschließend einen Ausbildungsplatz anstreben können.

„Von unseren vier jungen Flüchtlingen bei John Deere haben wir drei dazu motiviert, ein Jahr dranzuhängen und den Hauptschulabschluss zu machen. Damit gewinnen sie Zeit, in der sie in Deutsch und Mathematik weiterkommen können. Ein junger Mann hat direkt einen Ausbildungsplatz bei uns bekommen. Er lebt allerdings nicht in einer Flüchtlingsunterkunft, sondern in einer deutschen Pflegefamilie – der intensive Kontakt mit der deutschen Sprache und unserer Gesellschaft ist von großem Vorteil für ihn. Die deutsche Familie kann ihn auch beraten, wenn es darum geht, wie unser Bildungssystem funktioniert und wofür es gut ist“, berichtet Ingolf Prüfer, Personalchef bei John Deere in Mannheim  und Vorsitzender der Südwestmetall-Bezirksgruppe Rhein-Neckar. Er weiß auch, in welchen persönlichen Konflikten die jungen Leute teilweise stecken: Manche Familien üben aus der Ferne Druck auf ihre in Deutschland lebenden Kinder aus, auf eine Ausbildung zu verzichten, um schneller Geld zu verdienen, das sie dann in die Heimat schicken sollen. Umso wichtiger ist es, die jungen Schutzsuchenden nach Kräften zu unterstützen, für sich eine nachhaltige Lebensperspektive zu entwickeln.

Text: Kira Hinderfeld

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