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Interview mit Ulrich Manz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agenturfür Arbeit Mannheim

„Dieses Projekt ist großartig“

Ulrich Manz freut sich über das Engagement der Wirtschaft für die Integration der Flüchtlinge. Foto: Agentur für Arbeit Mannheim

Ulrich Manz freut sich über das Engagement der Wirtschaft für die Integration der Flüchtlinge. Foto: Agentur für Arbeit Mannheim

Interview mit Ulrich Manz

Wie kam das Projekt der Einstiegsqualifizierung für junge Flüchtlinge zustande?
Ulrich Manz: Verschiedene größere Betriebe in Mannheim kamen auf die Agentur zu und schlugen vor, junge „Schutzsuchende“ als Lösung für das drängende Problem fehlender Auszubildender ins Auge zu fassen. Auf Anregung des Arbeitgeberverbands Südwestmetall wurden diese Anliegen der Unternehmen zusammengefasst. Die Betriebe sahen sich in der sozialen Verantwortung für diese jungen Leute, obwohl gerade die großen Player es eigentlich nicht unbedingt nötig hätten, da sie genug Bewerber haben.

Südwestmetall hat hier hervorragend agiert und startete ein gemeinsames Projekt unter eigener Federführung. Auch Nicht-Mitgliedsunternehmen wie Roche und MVV Energie beteiligten sich, akquiriert durch Südwestmetall oder weil sie sich selbst bereits mit diesem Anliegen an die Agentur gewandt hatten. 

Welche Institutionen haben sich außer den Betrieben daran beteiligt?
Manz: Es wurde gemeinsam überlegt, wie man überhaupt an die jungen Leute, Menschen unter 25, die ohne ihre Eltern nach Deutschland eingereist sind, herankommt. Hier traten wir an das Stadtjugendamt heran, das diese Schutzsuchenden betreut und begleitet. Die Mannheimer Bürgermeisterin für Bildung, Kinder, Jugend und Gesundheit Dr. Ulrike Freundlieb stellte dafür alle Signale auf Grün. Unsere Agentur konzipierte dann gemeinsam mit den Betrieben eine Maßnahme, bei der die Jugendlichen vier Wochen lang unter die Lupe genommen wurden: Was bringen sie an Kenntnissen und Fertigkeiten mit, welche Vorstellungen haben sie selbst überhaupt von ihrem weiteren Werdegang? Bei der anschließenden sechsmonatigen Einstiegsqualifizierung (EQ) bei den Betrieben wurde die Ausbildungsfähigkeit der jungen Leute ausgelotet. Bei dieser eigens konzipierten EQ lag der Fokus mehr auf der Sprachförderung. Da die Agentur den zusätzlichen Sprachunterricht finanziell nicht übernehmen kann, legten Südwestmetall und die beteiligten Betriebe das Geld dafür selbst auf den Tisch. Der schulische Bereich wurde von der begleitenden Justus-von-Liebig-Schule ausgezeichnet und mit hohem persönlichem Einsatz begleitet. Dass die EQ anders als üblich abläuft, wurde sehr unbürokratisch von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Rhein-Neckar, dem Jugendamt Stadt Mannheim und der Ausländerbehörde abgesegnet – auch hier wurden alle Signale auf Grün gestellt, überhaupt sind alle Beteiligten bei diesem Projekt über ihren Schatten gesprungen. 

Was sind die größten Probleme bei den jungen Schutzsuchenden?
Manz: Auch wenn die jungen Schutzsuchenden hochmotiviert und engagiert sind, fehlen oft die schulischen Grundlagen. Die deutsche Sprache ist und bleibt das größte Problem. Aber auch die Mathematikkenntnisse erweisen sich als problematisch. Da sind viele der jungen Menschen auf Grundschulniveau.

Wie geht es für die jungen Leute weiter? 
Manz: Die erste EQ endete im August 2016. Jeder, der nicht direkt in ein Ausbildungsverhältnis übernommen werden kann, erhält unter Beteiligung aller Akteure bis Sommer 2017 die Möglichkeit, einen Hauptschulabschluss zu erlangen. Mit der Justus-von-Liebig-Schule ist verabredet, dass diese jungen Leute das ganze Jahr über mit „ihren“ Betrieben Kontakt halten können, z. B. über mehrere kleine Praktika.

Was ist Ihr persönlicher Eindruck von dieser Maßnahme?
Manz: Es erforderte einen Riesenmut seitens der Projektbeteiligten, da es bislang überhaupt keine Erfahrungswerte mit solchen Maßnahmen gibt. Aber was wäre die Alternative für die jungen Leute? Wenn wir jedem jungen Flüchtling die Chance auf eine Ausbildung geben wollen, ist dieses Projekt großartig. Es ermöglicht uns, Erfahrungen zu sammeln: Was funktioniert gut, woran hapert es noch?

Ist das Projekt abgeschlossen oder ist eine Fortsetzung geplant?
Manz: Wir alle haben viel gelernt und sind im Oktober 2016 in die nächste Runde gestartet, diesmal in Form eines Berufspraktischen Jahrs – BPJ21, einem Projekt des Europäischen Sozialfonds, des Landes Baden-Württemberg, der Agenturen für Arbeit und Jobcenter. Mit dem BPJ, bei dem auch Südwestmetall zu den Partnern zählt, werden Jugendliche und junge Erwachsene bei der Vorbereitung auf eine Ausbildung oder Qualifizierung in einem Unternehmen unterstützt – sie gehen in die Schule und mit besonderer Betreuung in den Betrieb. Wir freuen uns sehr, dass alle Beteiligten auch hier wieder mit an Bord sind. Und wir setzen Zeichen: Es melden sich bereits weitere Betriebe, die ebenfalls mitmachen wollen.

 

Die Fragen stellte Kira Hinderfeld.

 

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