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Mannheimer Manufakturen

Von Hand – mit Herz

Enver Atabay hat sich mit der Gründung der Mannheimer Kaffeerösterei Helder & Leeuwen einen Traum erfüllt. Foto: Yerlikaya

Enver Atabay hat sich mit der Gründung der Mannheimer Kaffeerösterei Helder & Leeuwen einen Traum erfüllt. Foto: Yerlikaya

Handarbeit, Kunst, Kreativität: In den Manufakturen Mannheims entstehen mit viel Herzblut hochwertige Produkte. Der besondere Charme liege im „zurückhaltend Echten“, findet Marketingprofessorin Verena König. Sie hat im Verlag Edition Panorama ein Buch über diese kreativen Unternehmen herausgegeben. 

Die braunen Bohnen fallen, ja tanzen regelrecht. Sie gleiten in ein Edelstahlgefäß, kommen auf die Waage. Dampf vernebelt den Blick auf die Röstmaschine. In der Mannheimer Kaffeerösterei Helder & Leeuwen hat Hyp Yerlikaya für das Buch „Die Identität Mannheimer Manufakturen“ nicht nur Bilder aufgenommen – er hat mit ihnen den Duft frischen Kaffees eingefangen, der dem Betrachter unweigerlich in die Nase steigt.

Der Kaffeegeschmack der Region ist im Wandel, verrät Enver Atabay, Inhaber der Manufaktur. Durch die vielen Kulturen, die in der Stadt zusammenkommen. Auch durch Studierende, die Inspiration von ihren Reisen mitbringen. „Da Schritt zu halten, das macht Spaß“, sagt der Wirtschaftsjurist, der den Betrieb 2007 gemeinsam mit seinem damaligen Geschäftspartner Alparslan Üründül gegründet hat. Ihre Vornamen übersetzten sie ins Niederländische, weil es einst die Kaufleute aus Holland waren, die die Kaffeebohnen über den Rhein nach Mannheim brachten. Enver, das bedeutet „hell, leuchtend“, Alparslan heißt „Löwe“: Helder & Leeuwen.

Im Hafenpark in der Industriestraße steht seit kurzem eine neue, eine größere Röstmaschine. Zuvor konnte das Team – Atabay beschäftigt sechs Mitarbeiter und drei Freiberufler – zehn Kilogramm Bohnen auf einmal rösten. Jetzt sind es dreimal so viele. Bislang verarbeiteten sie 24 Tonnen Bohnen pro Jahr. Darunter Kaffee u. a. aus Guatemala, aus Honduras, aus Mexiko. Jetzt sollen es mehr werden – „aber bei gleicher Qualität“. Darauf legt er Wert.

Ein besonderes Projekt hat Enver Atabay in den vergangenen Monaten beschäftigt: Ende September 2016 öffnete im Stadtquartier Q 6 Q 7 das Café BRUE. Betreiber ist die ARIVA Hotel GmbH, eine Tochter der Mannheimer Unternehmensgruppe DIRINGER & SCHEIDEL. Helder & Leeuwen hat das Konzept mit entwickelt. Ein gemütliches Kaffeehaus als Treffpunkt, das war Atabays Wunsch. Eines mit erlesenen Sorten im Angebot. Ein Ort, „der die Mannheimer Kaffeekultur wiederbelebt und an dem die Geschichte des Kaffees illustriert ist“. Dabei – genau wie bei der Wahl seines Sortiments – ist Atabay das Thema Nachhaltigkeit wichtig: Er sucht etwa nach einer umweltschonenden Alternative zu Coffee-to-go-Bechern. Oder wählt seine Projekte nach den Bedingungen, unter denen die Menschen dort Kaffeebohnen ernten. Auch deshalb engagiert sich Enver Atabay im Vorstand der Deutschen Röstergilde, dem Verband der kleinen und mittleren Kaffee-Röstereien. 

Was Kaffee für ihn bedeutet, macht Ute Maag, Autorin im Buch „Die Identität Mannheimer Manufakturen“, bildhaft deutlich, als sie ihn mit folgenden Worten zitiert: Man müsse die Bohnen verstehen. Wie ein Gespräch sei das. „Man könnte auch sagen, wir tanzen mit den Bohnen.“

Eine Doppelgarage in Mannheim. Darin ein schwarz verhüllter Wagen auf einer blauen Hebebühne. Ein Mann, der konzentriert schraubt. Rostige Autoteile. Zylinder, die glänzen wie neu. Die Nahaufnahme einer Steuerkette. Ein Tacho, dessen Anzeige bis zu 300 Stundenkilometern reicht. Der kritische Blick auf den Unterboden: Bilder, die Fotograf Hyp Yerlikaya für den Bildband in Hans-Michael Gerischers Manufaktur 964 eingefangen hat. 

Hier auf der Rheinau restauriert Gerischer Autos – ausschließlich Porsche, ausschließlich das Modell 964. Ein Wagen, der seit 1994 nicht mehr gebaut wird. Einer, für den Gerischer brennt: wegen der Optik, wegen der „unvergleichlichen Qualität“. Er kommt ins Schwärmen. Der Porsche 964 habe den Spirit eines Oldtimers, die Technik aber sei ausgereift. Gerischer versteht sich als Architekt: als derjenige, der das Auto besorgt, es grundreinigt und zerlegt. Der es – wenn alle nötigen Arbeiten erledigt sind – wieder akribisch zusammenbaut. Die einzelnen Komponenten schickt er zu ausgewählten Experten, darunter Lackierer und Sattler. Aber, versichert er, nur zu solchen, „die meinen ausgeprägten Hang zum Perfektionismus teilen“.

Gerischer hat Fahrzeugbau studiert, „die Schrauberei“ aber schon mit 15 angefangen. Die Manufaktur betreibt er seit fünf Jahren, übernimmt fünf bis sieben Projekte pro Jahr. „Man braucht dafür sehr viel Muße“, sagt der 50-Jährige, der hauptberuflich im Vertrieb eines Grafik-Unternehmens arbeitet. „Ich sage meinen Kunden: Es dauert neun bis zwölf Monate, teuer bin ich auch – aber du kriegst am Ende genau das, was du dir wünschst.“ Rund 80.000 Euro, so viel müssen seine Kunden für ihr fertiges Auto hinlegen. Gerischer will Autos bauen, die auch gefahren werden, hält nichts vom Status-Gehabe mancher Sammler, bei denen die Wagen nur in der Halle stehen. 

2015 hat er noch überlegt zu expandieren, die Werkstatt zu vergrößern, Mitarbeiter einzustellen. Nun hat er sich bewusst dagegen entschieden: um den Manufaktur-Charakter beizubehalten. „Sonst werde ich zu vergleichbar“, glaubt Gerischer. Er will seine Kunden auch weiterhin auswählen können, um sich nicht verbiegen zu müssen. Es ist wichtig, sagt der Porsche-Liebhaber, dass die Chemie stimmt. „Denn wenn das Auto fertig ist, hat der Kunde in den vergangenen Monaten mehr mit mir zu tun gehabt als mit seiner Frau“, scherzt er. Der Rheinauer will sich Zeit nehmen für seine Projekte. Wenn ein Teil nicht ganz genau sitzt, dann baut er es so oft aus und wieder ein, bis alles perfekt passt. Das sind Freiräume, die für ihn den Manufaktur-Charakter ausmachen.

Leicht gebogene Leisten aus Holz, aufgereiht. In grau, gelb, grün, orange, weiß. Ein edles Rennrad, cremefarben. Luzian Koczewski bearbeitet einen schmalen Streifen, der einmal einen Fahrradfahrer vor spritzendem Schmutz und Nässe schützen soll. In der Unschärfe des Hintergrundes erkennt der Betrachter den Inhaber der Manufaktur Woodies – er misst die Breite eines Reifens. Darunter Hände, die ein Edelstahlteil zurechtbiegen, das einmal zur Befestigung dienen wird: Hyp Yerlikayas Bilder zeugen von akribischer Handarbeit.

Hier, in einem Hinterhaus der früheren Tabakfirma Josef Strack & Co. in der Mannheimer Industriestraße, entstehen Teile aus Holz, die das klassische Schutzblech ersetzen und so den Radfahrer vor Dreck schützen und sein Fortbewegungsmittel verschönern. Teile, „die ein Fahrrad besonders machen, ihm Persönlichkeit verleihen“. So drückt es Inhaber Luzian Koczewski aus. Es geht ihm dabei auch um die Umwelt. Er fördert das Fahrrad als Fortbewegungsmittel. Und das Holz, versichert er, stamme aus nachhaltiger Forstwirtschaft. „Aber in erster Linie geht es um Design, um Ästhetik.“ Wie die Lederschuhe zum Anzug gebe es die „Woodie Fenders“ fürs Fahrrad. 

Holzschutzbleche, das Wort fühlte sich einfach falsch an. Luzian  Koczewski und sein ehemaliger Geschäftspartner Zlatko Koren entschieden sich deshalb für die amerikanische Bezeichnung „Fenders“. Koczewski  baut sie aus Echtholzfurnier, die Unterseiten bestehen aus Aluminium, hinzu kommen Befestigungsteile aus Edelstahl. „Alle Komponenten, außer die Schrauben, sind in Mannheim oder der Region hergestellt“, sagt er. Der Mannheimer, der Jura studiert hat, fräst und sägt, klebt und erhitzt das Material, arbeitet daran, bis Form und Verarbeitung perfekt sind. „Es tut mir gut, am Ende ein physisches Ergebnis meiner Arbeit in der Hand zu halten.“ Das liege ihm mehr, „als Aktenberge von links nach rechts zu schieben“. 

Anfangs bauten Koczewski und Koren die Woodies noch privat, für Bekannte, im heimischen Keller. Die Tüftler merkten bald, dass sich Leute wirklich für ihren Radschutz interessieren – und entwickelten ihre Geschäftsidee. Jetzt können Fahrradbesitzer per Konfigurator im Internet ihren persönlichen Radschutz planen und ordern. Die Nachfrage ist groß – Luzian Koczewski will dennoch unbedingt „den Charme einer Manufaktur beibehalten“.

Kunstvolle Bilder – wie zuvor beschrieben – ziehen den Betrachter in die Welt der Mannheimer Manufakturen: Sie zeigen liebevoll eingerichtete Ateliers und Werkstätten, akribisch ausgearbeitete Details. Maschinen und Menschen. Sie bilden Kreative ab, die viel von sich in eine Sache stecken. Und Produkte, aus denen Handarbeit und Herzblut sprechen. Das Buch, das im Herbst 2015 in der Edition Panorama erschienen ist, porträtiert in Bildern und Worten „Die Identität Mannheimer Manufakturen“. 

Initiatorin Verena König, Professorin für Marketing an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim, nennt das Werk im Vorwort „eine Hommage an die Mannheimer Manufakturen“: an die Menschen, die dahinterstehen, deren Werte, deren kreativen Ursprung und deren Visionen – „kurz: an ihre Identitäten“. Für die Wissenschaftlerin symbolisieren Manufakturen die „tiefe Sehnsucht der Menschen nach Ursprünglichkeit“. 

Der Bildband, in dem es u. a. auch um den Künstler Dietmar Brixy geht, um die Schuhmacherei Zeller oder die Goldschmiede von Peter Hohagen, ist limitiert auf 400 Exemplare. Sie sind aufwändig produziert, die Mannheimer Buchbinderin Annette Schrimpf, die ebenfalls porträtiert wird, arbeitete daran mit. „Nahezu jedes Buch ist ein Unikat“, sagt Bernhard Wipfler, Chef der Edition Panorama in den G-Quadraten. 

Die Einbandfarben sind schrill bis klassisch, der Schnitt in unterschiedlichen Farben bedruckt – darauf zu lesen der Buchtitel, der Verlag, die Namen Königs und Yerlikayas. Bernhard Wipfler nennt das Buch „ein Projekt, in das alle Beteiligten viel Herzblut gesteckt haben, weil sie von der Qualität und der Wichtigkeit überzeugt waren“. Zu den Herausgebern gehören neben Verena König Lutz Pauels von der Werbegemeinschaft Mannheim City und Dr. Stephan Wolf, der beim Stadtmarketing gearbeitet hat. Autorin der Texte ist Ute Maag, die studentische Unternehmensberatung Identitätsatelier der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Mannheim unterstützte das Projektmanagement und führte Interviews mit den Inhabern der Manufakturen.

Für Bernhard Wipfler ist „Die Identität Mannheimer Manufakturen“ weit mehr als ein Bildband zum Durchblättern: „Durch die Qualität der Fotos und wegen der spannenden Texte bleibt man hängen, verweilt auf den Seiten, vertieft sich.“ 

 

Text: Anne-Kathrin Jeschke

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