Mannheim Stadt im Quadrat | www.siq-online.de
  • Besuchen Sie uns bei Facebook
  • Besuchen Sie uns bei Twitter
  • Besuchen Sie uns bei Google+

Mannheim Stadt im Quadrat | www.siq-online.de

200 Jahre Fahrrad

Karl Drais und seine Laufmaschine

Bei der spektakulären Radparade im Jahr 2015 bewiesen die Mannheimer ihre Liebe zum Zweirad. Foto: Stadt Mannheim

Bei der spektakulären Radparade im Jahr 2015 bewiesen die Mannheimer ihre Liebe zum Zweirad. Foto: Stadt Mannheim

Mit der Erfindung der zweirädrigen Laufmaschine durch Karl Drais beginnt die weltweite Erfolgsgeschichte des Fahrrads – in Mannheim. 

Schnell mit dem Rad zur Vorlesung an die Uni zu fahren und damit der Umwelt auch noch etwas Gutes zu tun – das ist bei Studierenden und auch bei Professoren in Mannheim sehr beliebt. Dass Karl Drais vor 200 Jahren mit seiner bahnbrechenden Erfindung – dem Zweirad – genau vor dem Mannheimer Schloss zu seiner Pionierfahrt aufbrach, ist wohl nur wenigen von ihnen bekannt. Doch diese Exkursion mit dem Vorläufer des Fahrrads gilt als Geburtsstunde der individuellen Mobilität. 

Aber der Reihe nach. Als sein Vater die Leitung des nach Mannheim verlegten Oberhofgerichtes im Westflügel des Schlosses übernommen hatte, zog auch Karl Freiherr von Drais von seiner Geburtsstadt Karlsruhe in die Quadratestadt in ein Haus im Quadrat M1. Und schon bald zeigte der gelernte Forstwirt sein Erfinderpotenzial. Dies erkannte auch sein Pate Großherzog Karl Friedrich, stellte ihn vom Dienst frei und bot ihm so den notwendigen Freiraum für seine Aktivitäten. 

Mit dem Prototyp eines vierrädrigen, durch Menschenkraft angetriebenen Vehikels hatte Karl Drais zwar 1814 noch keinen Erfolg. Doch drei Jahre später sollte sich das schlagartig ändern – sein Laufrad stieß auf große Begeisterung. Zumal Drais' Idee vom pferdeunabhängigen Fortbewegungsmittel gerade zum richtigen Zeitpunkt kam. Am 5. April 1815 war im heutigen Indonesien der Vulkan Tambora ausgebrochen. Es war die größte je beobachtete Vulkanexplosion. Die Staubmassen verteilten sich über die ganze Welt. Die Naturkatastrophe führte auf dem gesamten Globus zu Ernteausfällen und explodierenden Getreidepreisen, auch für Hafer. Die Pferde – bis dahin die Basis des Individualverkehrs – konnten nicht mehr ernährt werden.  

Drais entwarf sein revolutionäres Gefährt mit zwei Rädern in einer Spur und ließ es beim Wagner Johann Frey bauen. Seine Erfindung bestand komplett aus Holz – Reifen, Lenker und auch Gestell. Über Pedale und eine Kette verfügte das Fahrzeug damals noch nicht. Es war ein Meisterstück des Leichtbaus und hatte etwa das Gewicht eines modernen Hollandrads. Um mit dem „Laufrad“ vorwärts zu rollen, musste man sich mit den Füßen vom Boden abstoßen. 

Am 12. Juni 1817 brach Drais zu seiner ersten dokumentierten Zweiradfahrt auf – die vermutlich vom Mannheimer Schloss aus über die einzige befestigte Straße zum Schwetzinger Relaishaus führte. Diese rund sieben Kilometer entfernte Poststation zum Pferdewechsel lag an der damals besten „Chaussee“ in Baden, Richtung Schwetzingen. Karl Drais benötigte für die Hin- und Rückfahrt nur eine knappe Stunde. Er erreichte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 15 km/h und fuhr damit aus eigener Kraft schneller als eine Postkutsche. 

Der Adelige ließ sich seine Erfindung 1818 gesetzlich schützen und verkaufte gegen eine Gebühr die Baupläne sowie die damit erworbene Lizenzplakette mit seinem Familienwappen. Das Patent bezog sich jedoch nur auf das Großherzogtum Baden und die Laufmaschinen waren teuer, weshalb die interessante Alternative zum Pferd häufig kopiert und lizenzfrei nachgebaut wurde.

Im Gegensatz zum Drais’schen Laufrad hatten die illegalen Nachbauten aber keine Bremse und konnten bei Talfahrten kaum beherrscht werden, was die sogenannten Velocipeden angreifbar machte. Nachdem der britische Karikaturist George Cruikshank und sein Verleger Sidebotham im Winter 1819 bei einem Ausflug mit dem Fahrzeug am Highgate Hill im Norden Londons verunglückten, machten sie sich in zahlreichen Karikaturen über die neue Erfindung lustig. 

Die unbefestigten, von den Fuhrwerken stark zerfurchten Fahrbahnen waren für Ausflüge mit dem Zweirad schlecht geeignet. Deshalb wichen die „Draisinen-Reiter“ gern auf die viel glatteren Gehwege aus und waren dort natürlich viel zu schnell. Kein Wunder also, dass schon im Dezember 1817 in Mannheim das Rollen mit den Laufrädern auf den Bürgersteigen untersagt wurde. Erlaubt war es nur noch auf dem Hauptweg des Schlossgartens, der so als erster „Fahrradweg“ in die Geschichte einging. Doch auch das wurde bald – wie in den meisten Städten – wegen der Gefährdung von Fußgängern bei hoher Strafe verboten. Nachdem nun auch der Haferpreis wieder sank und Pferde erneut wirtschaftlicher wurden, stiegen die Widerstände gegen die Drais‘sche  Fahrmaschine, die sich so historisch nur einer kurzen Beliebtheit vorzugsweise im Kreise des wohlhabenden Bürgertums und des Adels erfreute. Als „Vélocipède“ oder „Hobby Horse“ war sie außerdem noch in Frankreich und insbesondere England bei den sogenannten „Dandys“ sehr populär. 

Überhaupt bläst Karl Drais bald der Wind kräftig ins Gesicht. Unverschuldet richten sich Proteste und Anfeindungen der Bevölkerung auch gegen ihn, als sein Vater den Studenten Karl Ludwig Sand, Mörder des konservativen Dichters August von Kotzebue, zum Tode verurteilt. Er verlässt Mannheim und weilt fünf Jahre in Brasilien. 1827 kehrt er in die Quadratestadt zurück. Drei Jahre später verliert er durch den Tod seines Vaters auch die Unterstützung des Badischen Hofes, seine Pension wird gekürzt. Als er an einem Wettbewerb zur Entwicklung eines holzsparenden Ofens teilnimmt, gewinnt er zwar, wird aber um das Preisgeld geprellt. Um seine Pension kämpft er erfolgreich vor Gericht, jedoch verschwinden die Akten. Schließlich entgeht er nur knapp einem Anschlag auf sein Leben, als der Literat Karl Gutzkow, ein Anhänger des Kotzebue-Attentäters, eine Kampagne gegen ihn initiiert. Drais zieht daraufhin von 1839 bis 1845 in den Odenwald, wohnt anschließend wieder in Karlsruhe. In dieser Zeit testet er fußgetriebene zweispurige Fahrzeuge auf Eisenbahnschienen, die bis heute ebenfalls unter dem Namen Draisine bekannt sind. 

Als sich der Freiherr Drais 1849 öffentlich zur Demokratie bekennt und seinen Adelstitel ablegt, gerät er unter den Beschuss der Monarchisten, die ihn auch nach seinem Tod verspotten und als skurrilen Clochard verleumden, der der Welt eine nutzlose Erfindung aufnötigen wollte.

Seiner Pension beraubt, stirbt Drais im Dezember 1851 – mittellos. Danach verschwindet der ideenreiche Erfinder erst einmal aus der Erinnerung – sogar sein 150. Todestag vergeht, ohne dass Drais‘ Schaffen gedacht wird. Vollkommen zu Unrecht, wie der Mannheimer Technik- historiker Professor Hans-Erhard Lessing in seiner Drais-Biografie herausstellt: Mit zahlreichen Beweisen belegt er die These, dass Drais’ Erfindung den Weg für Fahrrad, Motorrad, Automobil und Flugzeug geebnet hat. Grund genug für die Mannheimer, das Jahr 2017, in dem sich die Jungfernfahrt des Laufrads zum 200. Mal jährt, dem Fahrrad-Pionier zu widmen und dem Erfinder auf diese Weise doch noch ein würdiges Denkmal zu setzen. 

 

Text: Gesine Millhoff


Lesen Sie die komplette Lebensgeschichte von Karl Drais.

[Bearbeiten]